Gastbeitrag: Ein Spagat, den niemand lernen wollte – Zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung


Ein Spagat, den ich nie lernen wollte. Den du sicherlich in diesem Ausmaß nicht lernen wolltest. Musst. Funktionierst.

Es ist Januar 2020. Ein neues Jahr beginnt mit Vorsätzen. Nichts Besonderes, das übliche: Sport, Ernährung. Du kennst das bestimmt. In den Nachrichten höre ich immer wieder von China. Einem Virus. Verschwörungen, woher es kommt. Den Menschen dort geht es schlecht. In China. Schlimm, aber weit weg.

Der Februar zieht ins Land. Fastnacht wird ordentlich gefeiert. Mit allen Freunden, lauter Musik, Umarmungen und großen Partys. Ich mag das persönlich sehr gern. Einmal im Jahr verkleiden und die Sau raus lassen. Aber die Tage danach stehen unter keinem guten Stern. Irgendwie sind jetzt auch hier die Menschen erkrankt. Grippesymptome, nur schlimmer, heißt es. Was ich dazu denke? Es ist in Köln. Immer noch ungreifbar.

Auf Arbeit unterhalten wir uns jetzt regelmäßig über ein Virus. Covid19. Hände waschen sei wichtig. Die Regierung unterhält sich über einen Lockdown. Was das ist, keine Ahnung. Du vielleicht?

Ende März. Keine Schule mehr. Kein Kindergarten. Kein Homeoffice – Kurzarbeit.

Existenzen sind bedroht. Mir geht es gut. Diese Maske nervt mich, aber ist erträglich. Das Einzige was mich interessiert ist: wie verbringen wir Ostern.

Blauäugig ich weiß.

Die Wochen ziehen ins Land. Beschäftigungsideen für die Kids werden herausgesucht. Wir sind viel draußen. Es stört mich nicht. Unser neuer Alltag ist irgendwie schön. Aber ich bin nicht nur Mutter, sondern auch Arbeitnehmerin. Wenn ich meinen Job nicht verlieren will, sollte es schleunigst weitergehen.

Geht es auch. Nur mit Kind zu Hause und einem provisorischen Arbeitsplatz, denn dieser ist ja nur für den Übergang. Musst du auch schmunzeln? Die TV Zeiten sind deutlich höher. Damit sinkt mein Nervenkostüm. Ein Zahnseide-dicker Faden, der jeden Moment zu reißen beginnt.

Ständig neue Regeln. Wir schauen nur noch von Tag zu Tag. Anmeldungen fürs Schwimmbad zwei Wochen im Voraus. Planen. Strukturieren in einem Alltag, der mir bis dato fremd war.

Ein Spagat, den ich nie lernen wollte. Kind und Haushalt. Arbeit und Familie. Liebe und Freundschaft.

Worte, die für mich nicht zusammenpassen. Nicht mehr. Versteh mich nicht falsch. Ich habe einen großartigen Partner, eine wundervolle Tochter und Freunde. Freunde die ich unregelmäßig sehe. Die ich ein Jahr lang nicht mehr gesehen habe. Mit denen ich Silvester per Videokonferenz verbracht habe. Zum Heulen ist das.

Das letzte Jahr, die letzten Monate zerren an meinem Nervenkostüm. Ich bin überfordert. Ausgelaugt. Müde.

Ich funktioniere nur noch.

Soll ich dir etwas verraten? Die Füchsin geht in den Kindergarten. Trotz der Möglichkeit meines Homeoffice. Ich habe es probiert. Letztes Jahr im Sommer, diesen Spagat hinzubekommen. Einen Spagat, den ich nie lernen wollte.

Es funktioniert nicht.

Die Betreuungszeiten wurden reduziert, damit die Füchsin in ihrer Kita-Gruppe bleiben darf. Ein Kompromiss den ich gern eingehe. Dafür muss ich meine Arbeitszeit anpassen. Vor 7 Uhr morgens sitze ich am PC. Die Füchsin hockt vor dem Fernseher. 14 Uhr ist Abholzeit. Habe nicht mal annähernd das geschafft, was mein Arbeitspensum abverlangt. Die Füchsin wird zwischengeparkt.

Ich danke meinem Arbeitgeber für die Chance im Homeoffice zu arbeiten. Es ist aber dennoch ARBEIT. Keine Kinderbetreuung von 8 Uhr bis 12 Uhr. Kein zwischen durch mal Haushalt machen. Ganz schlicht und ergreifend, Arbeit. Ich muss eine Leistung erbringen für die ich Gehalt bekomme. Die ich momentan nicht im vollen Ausmaß erbringen kann.

Kannst du dir vorstellen, wie oft ich mit dem Herrn des Hauses aneinandergerate? Er darf (mittlerweile nenne ich es wirklich so) in die Arbeit. Ich muss zu Hause alles unter einen Hut bekommen. Aussagen wie: „Ich würde es feiern, den ganzen Tag zu Hause zu sein.“ und „ist doch voll locker für dich.“ sind definitiv nicht hilfreich und belasten zusätzlich.

Ich möchte mir nicht ausmalen, wie andere Paare, Alleinerziehende diesen Spagat schaffen. Einen Spagat, den niemand lernen wollte.

Hiermit ziehe ich meinen Hut, vor allem Leuten, die diesen Spagat durchhalten. Oder eben auch nicht. Zweifel gehören zum Leben dazu, das habe ich während dieser Zeit lernen müssen.

Kuss auf die Nuss,
deine FuchsLiebende

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